Kompetenzzentrum Kinder- und Jugendbeteiligung Brandenburg
#machtmal18a

Gerechtigkeitskonferenzen: Modellvorhaben zur Förderung von Bildung und Beteiligung

Was ist eine Gerechtigkeitskonferenz?

Das Leben in unserer immer flexibleren Gesellschaft stellt hohe Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit. Die Fähigkeit zur Selbstorganisation, zur Selbsttätigkeit und zur „Selbsteinbettung" (vgl. Prof. Heiner Keupp: Identitätsarbeit durch freiwilliges Engagement, in: Claus Tully (Hrsg.), Lernen in flexibilisierten Welten, Juventa 2006, S. 27 ff.) wird deshalb immer wichtiger. Das Individuum ist immer stärker gefordert, die Grenzen der eigenen Verantwortlichkeiten, Zuständigkeiten, Kompetenzen und Identitäten selbst zu ziehen. Davon sind viele überfordert, insbesondere aber die, die durch den Wandel und die Technisierung an (Berufs-)Perspektiven verloren haben: die prekären Milieus (vgl. Sinus-Studie 2016). Diese Milieus sind übermäßig von Armut und fehlenden Teilhabemöglichkeiten sowohl in privaten als auch in öffentlichen Bereichen betroffen. Für Kinder und Jugendliche aus diesen Haushalten wirkt sich das besonders verheerend aus: Es fehlen fast alle gesellschaftlichen Teilhabevoraussetzungen. Gerade für sie ist es wichtig mehr Verteilungsgerechtigkeit und bessere Befähigungschancen zu erwirken (vgl. Prof. Heiner Keupp: Identitätsarbeit durch freiwilliges Engagement, in: Claus Tully (Hrsg.), Lernen in flexibilisierten Welten, Juventa 2006, S. 27 ff.). Dies gelingt jedoch nur mit ihrer Beteiligung! Ein möglicher Zugang hierfür sind Gerechtigkeitskonferenzen, bei denen Menschen zusammenkommen, um gemeinsam lebensnahe Aspekte der Gerechtigkeit zu erörtern. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Bedingungen und Ressourcen Menschen brauchen, um ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können und wie diese erwirkt werden können.


Um sich zu selbstständigen Erwachsenen entwickeln zu können, brauchen junge Menschen nicht nur förderliche Rahmenbedingungen, sondern vor allem auch persönliche Ressourcen. Was genau notwendig ist, ergaben die von Emily Werner und Aaron Antonovsky durchgeführten Studien zum individuellen Umgang mit Belastungen, die aus den jeweiligen Lebensbedingungen resultieren (Quelle ergänzen). Die daraus abgeleiteten Konzepte zur Förderung der persönlichen Widerstandskraft benannten sie mit „Resilienz“ und „Salutogenese“. Beide Konzepte konzentrieren sich auf die Stärkung von Persönlichkeitsfaktoren, die Stabilität und Handlungsfähigkeit auch in schwierigen Zeiten und unter widrigen Umständen gewährleisten. Der Begriff „Resilienz“ leitet sich ab vom Lateinischen „resilire“, also „abprallen“, und steht für die innere Widerstandskraft im Umgang mit Krisen. Zu den wesentlichen Konstituenten der Resilienz zählen ein positives Selbstverständnis sowie das Vertrauen in die eigenen Stärken und Fähigkeiten. Diese personalen Ressourcen werden vor allem von sozialen Faktoren geprägt, etwa dem Grad an konkreter Unterstützung und positiver Resonanz oder der Stabilität emotionaler Bindungen. Zentraler Faktor des zeitlich später entwickelten Salutogenese-Konzept ist das sogenannte Kohärenzgefühl, welches sich aus einer ganzen Reihe sozialer und kultureller Konstituenten zusammensetzt, von denen einige nicht individuell kontrollierbar sind. Zu den beeinflussbaren Faktoren zählen unter anderem die sozialen Verhältnisse - emotionale Bindungen und der Grad an Unterstützung durch andere - sowie der personale Hintergrund: Ich-Identität, Selbstwirksamkeit, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Kontrollüberzeugungen und soziale Kompetenzen. Zentral ist das Vertrauen sowohl in die Kontrollierbarkeit der persönlichen Lebensumstände als auch in die eigene Person.

Beide Modelle zielen pädagogisch auf die Förderung und Entwicklung dieser Ressourcen. Die Pädagogik ist gefordert, ihre Arbeit grundsätzlich und überall so zu gestalten, dass es genügend emotionale Zuwendung gibt und dass Leistungserwartung und Förderung sich die Waage halten. Sie muss Räume bereitstellen, in denen die jungen Leute sich frei von äußerem Druck entscheiden, Erfolg, Teilhabe und Akzeptanz erfahren können sowie Gelegenheit zur freien Erprobung der eigenen Fähigkeiten erhalten. Pädagogik muss über Empowermentansätze zum Handeln ermutigen. Und sie muss Partizipation und Selbstbestimmung unterstützen mit dem Ziel, das Individuum zur selbstverantwortlichen Gestaltung der eigenen Lebenswelt zu befähigen. Das Konzept der Gerechtigkeitskonferenzen ist sowohl in der Zielsetzung als auch in den methodischen Ansätzen an diesem pädagogischen Verständnis orientiert.

Ziele und methodisches Vorgehen

Vorrangiges Ziel ist es, Kinder und Jugendliche persönlich zu stärken und sie bei der Entwicklung und Umsetzung von Partizipations- und Selbstbestimmungsstrategien zu unterstützen. Zugleich sollen in den teilnehmenden Kommunen dauerhafte Verfahren zur Kinder- und Jugendbeteiligung etabliert und Impulse für den Aufbau nachhaltiger Strukturen gesetzt werden. Konkret geht es also um die folgenden zwei Dimensionen:

  1. Die individuelle Ebene: Um die persönliche Entwicklung zu fördern und gleichzeitig die Bereitschaft für Engagement zu stärken, werden den Kindern und Jugendlichen in der praktischen Erprobung Perspektiven für den kreativen Umgang mit Problemen vermittelt. Im Vordergrund stehen hier Selbstwirksamkeitserfahrungen und die Vermittlung von Lebenskohärenz. Deshalb werden im Schwerpunkt produktive und kreative Methoden eingesetzt. Es geht darum, gemeinsam Ideen für Teilhabe und Beteiligung und zugleich ein Gefühl für den eigenen Wert zu entwickeln. Dieses entsteht genau dann, wenn Erwachsene mit Einfluss - Politiker*innen, Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen - ihnen mit Respekt begegnen. Insgesamt sollen die Kinder und Jugendlichen dazu „empowert“ werden, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen.
  2. Die Sozialstrukturelle Ebene: Hier geht es ganz konkret darum, die lokalen Partizipationschancen der Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Dafür werden auf lokaler Ebene:
  • Impulse für die ressortübergreifende Kooperation der Akteur*innen in den Bereichen Politik, Verwaltung, Kinder- und Jugendhilfe, Bildung und Kultur gegeben
  • Grundlagen für tragfähige Netzwerke geschaffen
  • partizipationsfreundliche administrative Rahmenbedingungen unterstützt
  • und schließlich Maßnahmen getroffen, welche die Entwicklung eines verbindlichen kommunalen Beteiligungskonzeptes ermöglichen.

Deshalb sind Gerechtigkeitskonferenzen regional orientiert und an die lokalen Bedingungen angepasst. Feinziele und Methoden werden gemeinsam mit Vor-Ort-Akteur*innen entwickelt, die das Umfeld kennen und wissen, welche Ressourcen es gibt und woran es hapert. Wesentliche Kooperationspartner sind Schulen, Jugendhilfe, Vereine, Kulturanbieter, Politik und Verwaltung, deren verbindliche Zusammenarbeit bereits im Vorfeld der konkreten Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen beginnen muss.


Ein Beispiel: "Schöne neue Welt - Brandenburger Jugendgerechtigkeitskonferenz in Senftenberg"

Die erste Gerechtigkeitskonferenz wurde im August 2018 mit Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Schulformen der südbrandenburgischen Stadt Senftenberg durchgeführt. Beteiligte Kooperationspartner waren die Stadtverwaltung Senftenberg, das Jugendamt des Landkreises Oberspreewald-Lausitz, beide städtischen Kultur- und Begegnungszentren sowie das Deutsche Kinderhilfswerk (DKHW). Um den weiten Begriff der Gerechtigkeit für Kinder und Jugendliche verständlich einzugrenzen, beschränkte sich die Konferenz auf das Thema Armut als eines der Symptome von Ungerechtigkeit und auf deren Folgen. Ein wichtiges Thema, das in dieser ostdeutschen Region unverändert ganz unmittelbar erfahrbar ist.

Die gemeinsam mit den lokalen Partner*innen vor Ort geplante Umsetzung erfolgte in fünf Schritten, in denen jeweils sowohl analytisch-kognitiv als auch kreativ-handlungsorientiert gearbeitet wurde. Für die Handlungsphasen wurden sieben Workshops in den Kreativbereichen Chor, Musik/Band, Poesie/Lyrik, Malen, Video, Gesundheit/Bewegung und Zirkus vorbereitet. Konkret gestaltete sich der Ablauf der Gerechtigkeitskonferenz wie folgt: Direkt nach dem Ankommen erhielten die Kinder und Jugendlichen die Gelegenheit, sich individuell auf das Thema einzustimmen und ihren Begriff von „Armut“ zu definieren. Im Rahmen der Begrüßung wurde dargestellt, dass das Ziel der Konferenz darin liegt, dass die Stadt zusammen mit ihren Kindern und Jugendlichen konkrete Ideen für die Armutsbekämpfung und die Verbesserung der Kinder- und Jugendbeteiligung erarbeiten möchte, die bei weiteren Planungen berücksichtigt würden. Zur Einstimmung und als Zeichen der Wertschätzung wurden die Gedanken der Schüler*innen zum Thema vorgelesen. Direkt im Anschluss startete der analytische Teil der Workshops. Dialogisch wurde erarbeitet, wie das soziale Umfeld gestaltet ist, wo es Beschränkungen gibt und was alternativ vorstellbar wäre. Die Teilnehmer*innen erarbeiteten im Gespräch zunächst die Defizite in den Bereichen Mobilität, Freizeit, Gesundheit und Familie und deren entsprechenden Folgen für ihre Lebensqualität. In der folgenden Workshopphase erfolgte eine kreative Verarbeitung dieser Ergebnisse in Bildern, Liedtexten, Gedichten u. ä. Hier gab es Gelegenheit, Kritik und Wunschvorstellungen bildnerisch, sprachlich oder musikalisch zu versinnbildlichen. In der abschließenden Präsentation wurden die kreativ verarbeiteten Vorschläge, Kritiken und Ideen dem Publikum präsentiert. Wie angestrebt, ermöglichte die Gerechtigkeitskonferenz bereits an dem Tag vielen Kindern und Jugendlichen eine zentrale Selbstwirksamkeitserfahrung. Hinzu kommt das mittelfristige Erleben, dass die Ergebnisse der Gerechtigkeitskonferenz tatsächlich Einfluss auf die Regional- und Stadtentwicklung genommen haben und nachweislich umgesetzt wurden.

Seit 2018 haben weitere Konferenzen nach diesem Muster stattgefunden und wurden nach regionalen Ideen und Bedarfen immer etwas anders strukturiert:

Weitere Informationen: "Armut und Gerechtigkeit - wir reden mit! Beteiligungs- und Empowermentansätze bei den Kinder- und Jugendgerechtigkeitskonferenzen in Senftenberg und Kyritz" (Download der Dokumentation - PDF)


 

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